„Ich kann und will in diesem Land nicht mehr Leben“
Geschichte bekommt etwas lebendiges, wenn sie von Zeitzeugen erzählt wird. Das fand auch der Theater- und Musikverein K.A.P. (Kultur, Aktionen, Projekte) Dornholzhausen. Der Vorsitzende Jörg Müller und sein Vereinsteam hatten die Professorin Gisela Pohl aus Marburg eingeladen, die aus ihrem bewegten Leben in der ehemaligen DDR und ihrer Ausreise nach Westdeutschland, zehn Jahre bevor die Mauer fiel, erzählte.
Gisela Pohl war in der DDR zuletzt Gesangssolistin am Gewandhaus in Leipzig und arbeitete unter anderem mit international herausragenden Größen wie dem Dirigenten Kurt Masur und dem Regisseur Walter Felsenstein an der Komischen Oper im damaligen Ostberlin. 1979 durften sie ganz offiziell mit ihrem Mann und ihren Kindern die DDR verlassen, zwei Jahre zuvor hatte das Ehepaar einen Ausreiseantrag gestellt. Über die Zeit in der DDR und die Zeit nach ihrer Ausreise berichtete die Künstlerin auf unterhaltsame Art. Jörg Müller, der bei der Professorin Gesangsunterricht nimmt, moderierte während des Abends.
„Mein Mann und ich waren hin- und hergerissen zwischen der Anerkennung des Vorteils, zum Beispiel dass man als bekannte Künstler der DDR in den Westen durfte, und der Wut auf das Regime“, schilderte Gisela Pohl ihre Stimmungslage in der Zeit der 70er Jahre.
1937 in Leipzig geboren, erlebte sie als Kind den Krieg, studierte Musik in Berlin, heiratete und bekam drei Töchter. Sie war einige Jahre Mitglied des Berliner Rundfunkchores, sang in bekannten Häusern wie dem Potsdamer Theater, der Deutschen Staatsoper und dem Schlosspark-Theater Sanssouci und hatte bis zu ihrer Ausreise einen ständigen Gastvertrag mit der Komischen Oper in Berlin.
Gisela Pohl und ihr Ehemann waren als prominente Künstler in der DDR durchaus privilegiert. Zudem „waren die Theater Inseln im politischen Strom gegenüber den Betrieben und Werken. Im Leipziger Gewandhaus gab es nur ganz wenige Genossen“, erinnert sich die Künstlerin. Das Ehepaar nahm an zahlreichen Konzertreisen ins westliche Ausland teil, darunter zum Beispiel Japan, Westdeutschland und die Schweiz. Fluchtgelegenheiten hat es bei den Auslandsaufenthalten viele gegeben. Doch Pohl und ihr Mann kehrten immer wieder zurück. „Sonst wären unsere drei Töchter ins Heim gekommen und das wollten wir natürlich nicht“, erzählte die charmante Sängerin. Auf den Tourneen erlebte Gisela Pohl „die komischsten, köstlichsten und unangenehmsten Dinge als DDR-Bürger im Westen, denn wir hatten kein Geld zur Verfügung, nicht einmal um einen Kaffee zu trinken.“ Das bisschen Geld, was die Künstler bekamen, wurde gesammelt „um den Kindern Jeans mitzubringen“, erzählt sie lächelnd. Heute kann sie darüber schmunzeln, damals war das nicht der Fall. Ihrem Mann ging es ähnlich. Als Assistent von dem weltbekannten Dirigenten Kurt Masur kam er von einer Tournee nach Österreich, der Schweiz und Italien zurück und offenbarte seiner Frau: „Ich kann und will in diesem Land nicht mehr leben, wir müssen einen Ausreiseantrag stellen.“
Masur hatte das Vorhaben des Künstlerehepaares schon gespürt. Als sie es ihm sagten, sei er entsetzt gewesen, zeigte aber Verständnis. Gisela Pohl ist heute überzeugt, dass der Dirigent sich im Hintergrund für den Ausreisewunsch des Ehepaares einsetzte. Alles dies geschah in einer Atmosphäre der Geheimhaltung vor der Öffentlichkeit. Nachdem das Ehepaar den Ausreiseantrag gestellt hatte, erhielten sie Berufsverbot. Nur an der Komischen Oper in Berlin durfte Gisela Pohl noch auftreten. Dort spielte sie gerade eine Rolle im Musical „Anatevka“, die ihren Weggang auf gespenstische Weise vorwegnahm. „Ja, ich muss weg, weit weg von zu Haus“, war eine Textstelle. „Alle Kollegen wussten Bescheid, es war sehr berührend.“
Im November 1979 war es so weit: Nach zweijähriger Wartezeit hatte das Ehepaar seine Ausbürgerungsurkunde bekommen und durfte mit den Töchtern ausreisen. Die älteste Tochter jedoch, sie war bereits verheiratet, blieb in der DDR und erfuhr aufgrund der Ausreise der Eltern im beruflichen Bereich manche Repressalien.
Der Weg nach Westdeutschland führte die Familie nach Gießen in die Erstaufnahmeeinrichtung. Ein Marburger Pfarrer, der mit einem Kantor aus Dresden verwandt war und Pohls in der DDR kennengelernt hatte, bot seine Hilfe an. So kam das Ehepaar nach Marburg, wo es bis heute lebt. Bereits zwei Wochen nach der Ankunft im Westen hatte Gisela Pohl eine neue Künstleragentur und Engagements, sie arbeitete später als Professorin an der Frankfurter Universität. Noch heute gibt sie Gesangsunterricht.
| Autorin | Prof. Gisela Pohl | |
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| Titel | Gespräch am Vorabend des Tages der Deutschen Einheit | |
| Moderator | Jörg Müller | |
| Veranstaltung | ||
| 02.10.2017 | im Kindergarten Dornholzhausen | Bild | Imme Rieger |
| Text | Imme Rieger (Gießener Anzeiger) | |